Impuls Nr. 102
... und mit unseren abwesenden Brüdern und Schwestern.
Liebe Schwestern und Brüder,
"Die göttliche Hilfe sei allezeit mit uns - und mit unseren abwesenden Schwestern und Brüdern", so lauten im lateinischen Stundengebet in der monastisch-benediktinischen Tradition die letzten Worte der Gebetszeiten: "divinum auxilium maneat semper nobiscum, et cum fratribus nostris absentibus". Eigentümlich ist mir diese Formulierung immer schon vorgekommen. Und so richtig habe ich nie einen Zugang zu ihr gefunden. Es kam mir immer so vor, als würde hier (nur) für die Mitglieder der konkreten Ordensgemeinschaft gebetet, die gerade aufgrund anderer wichtiger Verpflichtungen nicht an diesem Chorgebet teilnehmen können.
Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr erschließt sich mir in diesen Worten, mit denen das gemeinsame Beten im Wortsinn ausklingt, dass hier etwas sehr Zentrales für christliches Beten überhaupt in Erinnerung gerufen wird: Christliches Beten ist nicht eine geschlossene Veranstaltung ausschließlich für Fromme, vielmehr wohnt dem Gebet immer ein unersetzlicher Akt der Solidarität inne. Die erbetene göttliche Hilfe ist eben kein Besitz, den man sich aneignen könnte, sondern eine Hoffnung und Zusage, die allen gilt. Diesen kleinen Satz zu beten, eröffnet im Gebet und an der Schwelle von Gebet und Alltag eine horizontale Dimension. Auch diejenigen, die der Kirche als Institution in dieser Zeit den Rücken kehren, weil sie sie (oder uns?) sich nicht mehr als authentisches Zeugin der göttlichen Hilfe erleben oder erlebt haben, gilt diese Hilfe. Und auch sie, die den Weg zur Kirche nicht (mehr) regelmäßig finden, denen der Raum des Gebets kein vertrauter Raum ist, bleiben abwesende Brüder und Schwestern. Wer diesen Satz betet, kann seinen Horizont weiten: es sind nicht nur die Anwesenden, die Kirche ausmachen, sondern wir sind und bleiben auch mit den Abwesenden verbunden. Und wir sind herausgefordert, auch diesen Abwesenden etwas von dieser göttlichen Hilfe zuzusagen, möglichst so, dass sie in ihren Lebenszusammenhängen eine solche Hilfe erfahren. Diese Hilfe Gottes ist kein exklusiver Club oder eine geschlossene Whatsapp-Gruppe, von der nichts nach außen dringt.
Die göttliche Hilfe übersteigt unsere Logiken von Zugehörigkeit und sie übersteigt auch die Grenzen dessen, was unserer Hilfe zugänglich ist. Auch deshalb steht es am Ende es Stundegebets mit einem zweiten Satz zusammen: "Die Verstorbenen mögen durch die Barmherzigkeit Gottes ruhen in Frieden" - "fidelium animae per misericordiam Dei requiescant in pace". Die göttliche Hilfe und Barmherzigkeit gilt und wirkt über den Tod hinaus. In unserer Pfarrei denken wir dabei in diesen Tagen ganz besonders an Pastor Klaus Giepmann, der am letzten Freitag nach schwerer Krankheit im Alter von 69 Jahren verstorben ist, danken ihm für sein Wirken und die vielfältigen Formen, mit denen er für andere da war. Informationen zur Totenvesper und zum Seelenamt für Pastor Giepmann finden Sie weiter unten in diesem Newsletter.
Wenn man die Botschaft der Auferstehung ernst nimmt, sind auch unsere lieben Verstorbenen eigentlich abwesende Brüder und Schwestern, denen wir durch die göttliche Hilfe verbunden bleiben.
Und so eröffnen zwei unscheinbare Schluss-Sätze in der Stundenliturgie eine ganze Theologie der Hoffnung!
Ich wünsche Ihnen und allen ihren (und unseren) abwesenden Schwestern und Brüdern die Erfahrung dieser göttlichen Hilfe!
Alexander Jaklitsch, Pastoralreferent