Impuls Nr. 86

Deine Hand...

Liebe Schwestern und Brüder,

heute Morgen im Radio habe ich die neue Single von Herbert Grönemeyer gehört. Sie heißt "Deine Hand" und enthält einen ermutigenden Text. Ausgehend von dem zeitdiagnostischen Ausgangspunkt, dass Hoffnung schwierig zu finden ist, beschreibt Grönemeyer in seinem Lied im Bild der Hand Erfahrungen, die den Rücken stärken, die Halt geben, aus dem Tief herausziehen. Es ist die Hand eines lieben Menschen, seine Nähe und Berührung, die neuen Mut gibt, die sogar zu einer Räuberleiter werden kann, um Hindernisse zu überwinden. Und doch weist das Bild der Hand über sich hinaus, als Metapher verweist sie auf eine Wirklichkeit, die über die konkreten Erfahrungen helfender, tröstender, ermutigender Hände hinausgeht.

Das Lied von Grönemeyer ist mir heute Morgen ganz unwillkürlich zum Morgengebet geworden. "Deine Hand ist meine Bank" klingt für mich wie ein Vertrauenssatz, der auch in der Sprache der Psalmen, diesen uralten Zeugnissen menschlicher Urerfahrungen mit ihrem Gott, seinen Ort haben könnte. Und tatsächlich ist die Metapher der "Hand Gottes" in der Bibel ein wichtiges Bild. Sie steht als Bild für die Macht Gottes, für sein machtvolles Eingreifen in Welt und Geschichte. Mit starker Hand befreit Gott sein Volk aus Ägypten, führt es an seiner Hand durch die weglose Wüste. "Die Rechte Gottes hat mit Macht gehandelt" (Ps. 118,15), so singt der Psalmist immer wieder; der christliche Gottesdienst hat es auf die Auferweckung Jesu übertragen. Dort wird - so wenig später im 118. Psalm - "der Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein" (Ps 118,22). Klingt auf den ersten Blick die Rede von der mächtigen Hand Gottes so ganz anders als die ermutigende Hand aus dem Lied von Grönemeyer, so verbindet beide doch etwas ganz Entscheidendes: auch bei dieser mächtigen Hand Gottes geht es gar nicht um gewalttätiges Handeln, sondern vielmehr um die liebevolle, unterstützende, haltende Hand, die etwas augenscheinlich Schwaches und Nutzloses (den verworfenen Stein) in das verwandelt, das alles zusammenhält (den Eckstein).

Diese Paradoxie ist es, die das machtvolle Handeln der Hand Gottes ausmacht: die machtvolle Hand Gottes besteht nur in der liebevollen, zugewandten Hand, den liebevollen, fürsorglichen Händen so vieler. Nur diese Hände können die Mechanismen von Macht und Gewalt durchbrechen. Das ist das Geheimnis des Christ-König-Sonntags, den die katholische Kirche am letzten Sonntag vor dem Advent feiert. Christus als König mit der Dornenkrone ist ein bleibender Kontrapunkt gegen machthungrige Diktaturen, die mit starker Hand regieren, so sagt es das Festgeheimnis: der wahre, der einzige König ist Christus und zwar in der Ohnmacht seiner Liebe. Als Papst Pius XI. vor fast 100 Jahren dieses Fest mit der Enzyklika "Quae primas" eingesetzt hat, zitierte er darin den Kirchenvater Kyrill von Alexandrien, der ebenfalls das Bild der Hand verwendet: "Christus besitzt die Herrschaft über alle Geschöpfe nicht infolge gewaltsamer Aneignung, nicht aus fremder Hand, sondern aufgrund seines Wesens und seiner Natur“ (Kyrill v. Alex., In Joh. Ev., XII, XVIII.38).

Auch heute scheint dieser Kontrapunkt wichtig und bedeutsam, weil auch manchen in unserem Kulturkreis politische Akteure, die mit starker Hand regieren, wieder attraktiv erscheinen. Wenn wir das Christ-König-Fest feiern, dann erinnern wir uns an die Paradoxie des Königs mit der Dornenkrone, dessen starke Hand in zugewandten, liebevollen, zärtlichen, ermutigenden Händen spürbar wird. Und so kann man die neue Single von Herbert Grönemeyer am Christ-König-Sonntag als eine Art Meditation dieser machtvollen Hand Gottes hören.

Herbert Grönemeyer -- Deine Hand

Ich wünsche Ihnen auch die Erfahrung liebevoller, zärtlicher Hände, die Halt und Zuversicht geben!

Herzliche Grüße,
Alexander Jaklitsch, Pastoralreferent

Pfarrei St. Franziskus